Der Alkohol hat mein Leben kontrolliert
Mit 43 Jahren schafft er den Ausstieg. Er gewinnt Abstand, krempelt sein Leben um. Er trennt sich von seiner Freundin, sucht sich eine eigene Wohnung – und nimmt sein Leben in die Hand. „Ich habe endlich zu mir selber gefunden", sagt er. „Davor hat der Alkohol mein Leben kontrolliert." Er habe immer das gemacht, was andere ihm gesagt haben. Er sei wie ein Kiesel im Fluss gewesen, habe sich allmählich dem Strom angepasst. Als Abhängiger sei er immer den Weg des geringsten Widerstands gegangen.
Seit 14 Jahren ist Franz Ranzinger trocken. Er hat geheiratet, den Führerschein gemacht. Seine alten Freunde haben sich wieder ihm zugewandt. „Sie haben gesagt, sie könnten endlich wieder mit mir reden", erzählt er. Doch Franz Ranzinger hat auch gesundheitliche Schäden davongetragen: Seine Adern sind zu, er hat Cholesterin-Probleme und geschwollene Füße. Rückfällig geworden ist Franz Ranzinger nicht mehr.
Doch vor wenigen Wochen kam er unerwartet in Versuchung. Ein Mann hat ihm bei einer Feier eine Maß Bier hingehalten. „Ich habe nur genippt und bin dann erschrocken", sagt er. „Der Alkohol würde alles kaputt machen, ich würde wieder alles aufs Spiel setzen." Deswegen verzichtet der 57-Jährige auf alles, das auch nur die kleinste Menge an Alkohol enthält: Pralinen, Marzipan, Essig, aber auch Orangensaft, der, wenn er gärt, Alkohol bildet. „Wenn ich den Absprung nicht geschafft hätte, würde ich heute nicht mehr leben", ist er überzeugt. Seine Augen sprühen wieder vor Lebensfreude. 2001 gründet Franz Ranzinger die Selbsthilfegruppe „Die Gruppe".Die Sucht sei nicht umsonst gewesen. Er könne anderen mit seinen Erfahrungen helfen, sie zum Nachdenken bringen.
Franz Ranzinger geht offen mit der Sucht um, erzählt es allen – und klärt auch in Schulen auf. Man müsse ehrlich zu sich selber und den anderen sein. Die Gesellschaft wolle aber nicht immer eine Aufklärung, beklagt er. Die Sauberkeitspolitik der Regierung sei scheinheilig. „Im Sport werben sie mit Anti-Drogen-Kampagnen, vor jedem Fußballspiel im Fernsehen aber mit Bier." Auch heute gingen die jungen Leute leichtfertig mit Alkohol um, sagt er. „Die Flat-Rate-Partys finde ich unverantwortlich, da bekomme ich richtig Angst." Denn das könne für manchen schon der Einstieg sein.
Hass gegenüber dem Alkohol empfindet Franz Ranzinger heute allerdings nicht. „Ich verurteile ihn nicht, er ist nicht mein Feind, er gehörte einfach zu meinem Leben", sagt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu. „Nur heute weiß ich, dass er mir nicht gut tut."






