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Buben spielen nicht mit Puppen

buben-spielenVom Leben und Leiden eines Alkoholikers

Buben spielen nicht mit Puppen

von

Michael Bachl

Wenn Du einem geretteten Trinker begegnest, dann begegnest Du einem Helden.

Es lauert in Ihm schlafend der Todfeind. Er bleibt behaftet mit seiner Schwäche und setzt seinen Weg fort durch eine Welt der Trinkunsitten, in einer Umgebung, die ihn nicht versteht, in einer Gesellschaft, die sich Berechtigt hält, in jämmerlicher Unwissenheit auf ihn herabzuschauen, als auf einen Menschen zweiter Klasse, weil er es wagt, gegen den Alkoholstrom zu schwimmen.

Du sollst wissen:

Es ist ein Mensch erster Klasse.
von Friedrich von Bodelschwingh

ISBN 978-3-934726-32-1

Bericht zum Buch aus "Deggendorfer Aktuell"

Deggendorf. Michael Bachl (Name von der Redaktion geändert) saß ein Jahr in Stadelheim in U-Haft. Drei Jahre verbrachte er mit den "schweren Jungs" in der JVA Straubing, weitere drei Jahre war er als "psychisch kranker Straftäter" in der geschlossenen Psychiatrie in Mainkofen untergebracht. Michael Bachl findet, das die Strafe gerechtfertigt war. Denn er hat einen Menschen getötet. Er war schwerer Alkoholiker, war ganz unten. Doch sein persönlicher Tiefpunkt war gleichzeitig die Wende. Seither geht es aufwärts. Langsam, Schritt für Schritt. Aber aufwärts eben. - Seine wechselhafte Geschichte hat der heute in Deggendorf lebende Oberpfälzer in einem Taschenbuch dokumentiert: "Bubeb spielen nicht mit Puppen".

Auch bei ihm war das in der Kindheit so. Mit Puppen zu spielen, das wäre unmännlich gewesen. Überhaupt: Spielen und sich vergnügen war nach Sicht des Vaters überflüssig. Einen Freund durfte er nicht haben, und der einzige Junge, mit dem er - heimlich - Kontakt pflegte, wurde später erschossen.

"Andere Kinderwerden mit der Milchflasche aufgezogen. Bei mir war die Flasche mit Alkohol gefüllt", erzählt Michael Bachl. Und dann erzählt er von seinem Vater, einem wütwnden, cholerischen Mann, der im Eisenwerk arbeitete, der das meiste von dem wenigen, was er verdiente, versoff, der seiner Frau notorisch fremdging, vor dem sie und die Kinder Angst hatten, der schließlich am Krebs starb.

Eine Alkohol-Karriere

Mit ihm, dem Vater, hat bei Michael alles angefangen. Das Trinken. Der Strudel aus Abhängigkeit und Stumpfsinn und Verzweiflung, derder ihn mit sich zog, der sich immer schneller drehte. Erst die Lehre als Bauschlosser, die er nach Willen des dominanten Vaters machen muss. Dann, nach dem Konkurs des Betriebs, eine neue Lehre, dieses Mal als Wasserinstallateur und Spengler. "Da auf dem Bau wurde viel getrunken. Die erste Halbe gab´s morgens um sieben. Und nach der Arbeit gings ins Wirtshaus." Der Stiefbruder, sieben Jahre älter und der einzige in der Patchworkfamilie, zu dem Michael eine echte Beziehung hat, hätte ihm Halt geben können. Aber der Bruder zieht nach München, und Michael bleibt allein zu Haus. Als er 21 ist, stirbt die Mutter. Michael ertränkt den Kummer, bevor er hochkommt. Aber seine Bude erdrückt ihn, "die Decke fiel mir auf den Kopf". Er schläft im Auto, im Zelt oder draußen im Freien. Alkohol ist sein bester Freund, über ihm vergisst er Pflicht und Arbeit. Als er den Job verliert, macht er Highlife. Bis der Bruder eingreift, ihn nach München holt.

Verschnaufpause auf dem Weg nach unten. Ein neuer Job als Lagerist. Doch die Vergangenheit holt ihn ein: "Ich habe meine alten Spezis in der Oberpfalz besucht. Wir haben gefeiert, getrunken. Auf der Rückfahrt nach München haben sie mich erwischt. Der Führerschein war weg. "

1,75 Promille hat er damals im Blut. 1984 - sein Bruder hat inzwischen geheiratet und ist nach Plattling gezogen - sind es schon 2,25 Promille, die zum zweiten Führerscheinverlust führen.

4,30 Promille werden es einst sein, unter deren Einfluss Michael 1997 einen Menschen in Notwehr ersticht.

Im Rotlicht-Milieu

Dazwischen liegt viel Zeit. Viel Einsamkeit. Tage, die Michael im Park verbringt, Nächte, in denen er unter der Brücke schläft. Mal hat er Arbeit, meist aber nicht. Bier und Schnaps sind trotzdem immer da, auch deshalb, weil seine Freundin eine Prostituierte mit reichen Kunden ist. In den besten Münchner Hotels geht sie anschaffen, Skrupel, ihre Freier zu bestehlen hat sie nicht. Und "Untermieter" Michael akzeptiert das Gewerbe seiner Gefährtin - schließlich hat sich auch die eigene Mutter prostituiert, "um die Familie durchzubringen".

Wenn die Freundin mal nicht arbeiten mag, verdient Michael das Alkohol-Geld, Heckenschneiden, Rasenmähen, Hunde ausführen. Die letzte feste Anstellung ist irgendwann 1992. Als "Tagelöhner" ist Michael zuweilen ein paar Tage trocken. Danach trinkt er umso mehr - immer mehr, denn sonst kommt der Schwindel, die Unruhe, das große Zittern. Einen Kasten Bier am Tag, eine Flasche Schnaps dazu: "Das war ganz normal."

Auch an dem Tag, als er zum Totschläger wird, hat Michael getrunken. 4,30 Promille misst die Polizei, nachdem sie ihn nach Stadelheim gebracht hat. "Da war der Streit zwischen meiner Lebensgefährtin und einem Bekannten. Ich wollte nur schlichten. Und bin mit dem Messer in der Hand..."

Die letzte Hölle

Die Hölle tut sich auf. Der Boden wellt sich. Vor seinen Augen sprechende Schlangen. Aus der Toilette züngeln Flammen. Michael ist auf Entzug. Es sind die schlimmsten Tage seines Lebens. Drei Tage fast ohne Bewusstsein, in einem kahlen Raum auf einem Bett fixiert, ruhiggestellt.

Ein Gedanke bricht sich Bahn: Nie, niemals wieder will Michael diese Hölle sehen. Kein Alkohol der Welt wird ihn fortan versuchen! Panische Angst, das Bewusstsein seiner Schuld, Verzweiflung - und dazwischen, zaghaft, wie ein Schemen, ein Gefühl von Hoffnung.

"Ich war 41. Ich dachte: Das kann es nicht gewesen sein."

Am 14 Mai 2009 werden es zwölf Jahre sein. Keinen Tropfen Alkohol hat Michael seit dem Delirium tremens in Stadelheim angerührt. Er meidet Schnapspralienen, isst keine Rum-Trauben-Schokolade, geht kein Risiko ein. Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker: Er weiß das.

Inzwischen hat er auch vieles andere erkannt. Dass es nichtsbringt, mit der Vergangenheit zu hadern. Und das es nicht angeht, den Vater, die traurige Krankheit für das eigene Schicksal verantwortlich zu machen. Denn man hat immer eine Wahl. "Niemand hat mich gezwungen, ins Wirtshaus zu gehen!"

Zu trinken war seine eigene Entscheidung. Auch es zu lassen, lag in seiner Hand. "Selbst im Gefängnis hätte es Mittel und Wege gegeben", sagt er. Aber die Kehrtwendung im Geiste war eine endgültige. Raus aus dem Sumpf, ein anderer Mensch werden, ein besseres Leben führen: Der Vorsatz begleitete ihn durch die schweren Monate in der U-Haft, die er fast ausschließlich in der Zelle verbrachte. Der Vorsatz überdauerte die drei Jahre in Straubing, in denen er alle Möglichkeiten nutzte, um sich fortzubilden, um zu lernen, auch sich selbst kennenzulernen. Und der Vorsatz hielt an. in der geschlossenen Psychiatrie in Mainkofen, in der Michael die letzten drei Jahre seines Freiheitsentzugs verbrachte. Neun Jahre hätte sein Strafmaß eigentlich betragen. Nach sieben Jahren durfte er gehen - auf Bewährung.

Von der Seele geschrieben

Aber sieben Jahre sind lang. Genug Zeit, um aufzuarbeiten, was passiert ist. Michael hat getan, was er schon als Kind gerne getan hätte: Schreiben. Stockend, in holprigem Deutsch brachte er seine Geschichte zu Papier. Neben der Therapie, neben Gesprächen mit Psychologen, mit Pfarrern, war es der wichtigste Helfer auf dem Weg ins neue Leben.

Ein Haufen Blätter, Handgeschrieben. Mit seinen ersten eigenen Laptop, gebraucht erstanden übers Internet, bezahlt von dem bisschen Geld, das er als Teilnehmer bei "MöGaDi" (Anm. d. Red.: Qualifizierungsmaßnahme, die die Quin GmbH in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur anbot) verdiente, brachte Michael sein Manuskript in Form. Dann ging er zum ersten und einzigen Verlag, den er im Deggendorfer Telefonbuch fand. Der Verleger zeigte sich interessiert. Hatte einen Journalisten zur Hand, der das Geschriebene überarbeiten und kürzen könnte. Im Herbst letzten Jahres war das Buch fertig: "Buben spielen nicht mit Puppen", eine wahre, eine ehrliche Geschichte.

Für Michael ist diese Geschichte noch nicht zu Ende. Über "MöGaDi" fand er zurück ins Berufsleben. Seit einiger Zeit arbeitet er im Deggendorfer Kulturviertel. Erst auf Ein-Euro-Basis, jetzt mit einem Jahresvertrag. "Ich bin so etwas wie ein Hausmeister", sagt Michael. Schon 2005 hat er seinen Führerschein neu gemacht. Seit Oktober fährt er im eigenen Auto.

Auch in menschlicher Hinsicht hat Michael wieder Fuß gefasst. Schon während des Aufenthalts im Bezirkskrankenhaus Mainkofen knüpfte er Kontakt zum Freundeskreis in der Suchtkrankenhilfe Deggendorf e.V..

Der Austausch mit Gleichbetroffenen ermutigt ihn bis heute, ermutigte ihn auch zu seiner Ausbildung zum Suchthelfer. Erstmals in seinem Leben fühlt er sich als Teil der Gesellschaft.

"Buben spielen nicht mit Puppen" bedeutete einen Schritt auf dem Weg zurück in diese Gesellschaft, doch zugleich ist es Perspektive. "Letztes Jahr war ich noch nicht so weit. Doch jetzt würde ich gern daraus lesen und öffentlich über mein Leben reden", sagt Michael. Sein Buch, glaubt und hofft er, kann schließlich mehr sein als nur Selbsttherapie, auch dem Leser mehr bieten als nur ein abschreckendes Beispiel: "Ich möchte zeigen, dass ganz unten nicht Endstation ist. Und wenn auch in vielen kleinen Schritten: Wer wirklich will, wird wieder aufwärts gehen!"

Andrea Weidemann